Lemberg (Lviv): Zwischen Tradition und Aufbruch

Lemberg sagt euch nichts? Dann habt ihr etwas verpasst! Denn hinter dem alten österreichischen Namen verbirgt sich das wunderbare Lviv in der Westukraine – und das ist wirklich eine kleine Schatzkiste!

Lemberg – oder korrekter: Lviv – im Westen der Ukraine steht vielleicht (noch) nicht auf eurer Reiseliste. Zu Unrecht, denn die 700.000-Einwohner-Stadt überrascht mit einer liebenswerten Mischung aus kuk-Charme und ostalgischer Aufbruchstimmung.

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Das kuk-Erbe, also die kaiserlich-königliche österreichische Vergangenheit, als Lemberg Teil des Vielvölkerimperiums war, erfasst den Besucher sofort. Die Stadt wirkt burlesk, oft barock, im Zentrum wechseln sich Wiener Kaffeehäuser mit Jugendstilbauten und katholisch anmutenden Kirchen ab.

Lemberg nimmt den Besucher mit in eine vergessene, multikulturelle Vielfalt: Da sind die Kirchen, die an jeder Straßenecke warten und oft nicht das sind, was man erwartet: Ein barockes Gotteshaus scheint katholisch, gibt sich im Inneren jedoch als orthodox zu erkennen – oder griechisch-katholisch, oder armenischen oder oder… Lemberg bietet eine religiöse Vielfalt, die an das erinnert, was Europa vor dem Aufstieg der Nationalstaaten einmal war: gelebtes Miteinander. Dazu gehören auch die vielen polnischen Einflüsse aus dem 14. bis 18. Jahrhundert – das Rathaus am zentralen Marktplatz (Rynok) ist zweifelsohne ihr prominentester Zeuge. Lemberg, Lviv oder auf polnisch Lwow: Heute bietet die Stadt von allem etwas.

Gleichzeitig fühlt man sich ins Osteuropa der frühen 2000er Jahre zurückversetzt: Viel Altbaubestand, der noch auf seine Renovierung wartet. Busse und Trams aus der Nachwendezeit. Und natürlich: alte Ladas! Lemberg scheint dort stehen geblieben zu sein, wo sich die osteuropäischen EU-Länder vor zwanzig Jahren befanden – und gerade darin liegt der Charme!

Sehenswürdigkeiten

Obwohl Lemberg ca. 700.000 Einwohner zählt, lässt sich das Zentrum mit den wichtigsten Sehenswürdigkeiten gut zu Fuß erkunden. Die Altstadt ist wunderbar erhalten und hat allen Kriegen getrotz. Sie und ihre Gassen und Kirchen sind für mich die eigentliche Sehenswürdigkeit Lembergs. Der Rathausturm kann gegen ein geringes Entgeld bestiegen werden. In seinem Umfeld liegen die wichtigsten Sehenswürdigkeiten wie der prachtvolle italienische Innenhof, die herrliche Unversität (ehemals Leopoldina), die arminsche Kathedrale, das in verspieltem Jugendstil glänzende Haus der Wissenenschaftler (ein ehemaliges Clubhaus) und viele weitere bauliche Erinnerungen an die Pracht des 19. Jahrhunderts. Man kann wunderbar stundenlang durch die Altstadt schlendern, hier und da in ein Café einkehren oder aber auf dem kleinen Buchermarkt hinter der Kirche zur Heiligen Eucharistie in alten Büchern und diversem Trödel stöbern.

Wer sich historisch interessiert, der kann einerseits die alte Burgruine erklimmen oder in die jüngere Vergangenheit eintauchen und des Lonzki-Gefängnis, lokaler Sitz der sowjetischen Geheimpolizei NKWD, besuchen. Die Ausstellung ist klein, aber aus meiner Sicht ein Muss, das die sowjetischen Verbrechen und Deportationen v.a. der Stalin-Ära ungeschönt veranschaulicht.

Ich selbst bin ein großer Freund klassischer, nicht gentrifizierter Märkte, wie man sie fast überall in Osteuropa findet. In Lemberg bietet sich der am Rande der Altstadt gelegene Galizische Markt an oder der etwas größere Krakauer Markt. Beide entführen in die Zeit vor der Erfindung veganer Zimtschnecken und bieten einen bestaunenswerten, urigen Mix aus allem, was im Alltag benötigt wird.

Direkt neben dem Krakauer Markt befindet sich auch die größte Brauerei der Stadt (und eine der größten der Ukraine), Lvivske. Zu dieser gehört ein Brauereimuseum, das ansprechend aufbereitet ist und nicht nur, aber auch für die abschließende Verköstigung lohnt.

Essen & Trinken

Wenn mein Bericht wirkt, als Lemberg sei eine in der Vergangenheit stehen gebliebene Stadt, dann täuscht dieser Eindruck. Denn inmitten der herrlichen Baugeschichte der Stadt finden sich ganz wunderbar junge Kaffeeröstereien, kleine Cafés, Craft-Beer-Bars, Weinlokale und natürlich etliche Restaurants. Lemberg ist eine junge, lebendige Stadt!

Wer lokale Biervielfalt sucht, der wird im spektakulären „Biertheater“ der örtlichen Brauerei Pravda (Правда) fündig werden, das sich direkt am Rathausplatz befindet. Etwas versteckter in der Altstadt, aber urig und wild und authentisch, hat mir außercdem die Craft-Beer-Kneipe „Drunken Duck“ (Пяна качка) sehr gut gefallen.

Weinfreunden empfehle ich den Weg ca. 15 Minuten aus dem Zentrum heraus zur Weinhandlung und -bar Вина Криму („Krimweine“), die entgegen dem Namen verschiedenste ukrainische Weine bietet, die sich wirklich lohnen! Überhaupt bietet sich das Areal zwischen der von schönen alten Häusern gesäumte Prinz-Roman-Straße (Князя Романа) und der Universität gastronomisch viele Anlaufpunkte, beispielsweise das Bierlin oder den Fußball-Pub Cantona, der sich neben englischem Fußball v.a. dem Verein Karpaty Lviv verschrieben hat.

Gut gegessen habe ich im schlicht gehaltenen, aber hippen Promin, einem italienisch-ukrainischen Crossover. Wer auf die Schnelle etwas echt Ukrainisches sucht, dem sei eines der mehreren Bistro-Lokale der Kette „Пузата хата“ empfohlen: Das in Osteuropa gängige Konzept ähnelt etwas einer Mensa, man wählt an langen Auslagen, zahlt und sucht sich seinen Platz. Beide oben genannten Tipps befinden sich nahe der Universität.

Direkt in der Alstadt dagegen bietet das Fatset (Фацет) eine kreative Mischung aus regionaler Küche, Bar, Weinen, Café und viel studentische Jugendlichkeit.

Und was in der Ukraine auf gar keinen Fall fehlen darf, ist ein Kirschwein! Die Kette Piana Vyshnia (Пяна Вишня) kannte ich schon aus Kiew und finde das Konzept, wirklich nur Kirschwein an Stehtischen anzubieten, weiterhin ebenso mutig wie spannend. Aber Achtung, der in bohemen Gläsern ausgeschenkte Wein ist eher ein Likör mit fast 20%!

Erhalten hat sich Lemberg auch die österreischische Kaffeekultur. Nicht nur, dass es es am Rande der Altstadt ein „Wiener Kaffeehaus“ gibt, nein, es wird auch überall in der Stadt in kleinen Röstereien eigener Kaffee produziert und ausgeschenkt. Kaffeefreunde kommen in Lemberg definitiv auf ihre Kosten! Und wenn es mal schnell gehen soll: Die Kette „Lviv Croissant“ betreibt in der ganzen Ukraine ihre Mini-Cafés mit – nun ja – Kaffee und Croissants.

Sprache und politische Situation

Seit 2014 herrscht Krieg in der Ostukraine, der aber so weit im Osten dieses riesigen Landes liegt, dass man sich nicht fürchten muss. Natürlich findet man im öffentlichen Raum Plakate und Gedenkstätten, auch in Lemberg, ganz im Westen und fast 1000km von den Brennpunkten entfernt, so dass man den Konflikt mit Russland nicht ganz ausblenden kann.

Wer sich die Mühe macht, mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen, merkt aber schnell: Die politische Verschärfung seit Winter 2021 bedrückt die Menschen auch in Lemberg, die Angst vor einem großen Konflikt liegt greifbar in der Luft.

Dabei ist die Phrase „ins Gespräch kommen“ doppelt zu betrachten: Ja, man kommt in Lemberg schnell ins Gespräch, einfach in einer Bar zum Beispiel; ich habe hier offene, freundliche Menschen erlebt. Aber natürlich stellt die Sprachebarriere in der Ukraine ein echtes Hindernis dar: Englisch ist wenig verbreitet; Russisch würde helfen, ist aber aufgrund der Situation gerade wenig populär; Deutsch beherrscht niemand. Oft wurde ich jedoch gefragt, ob ich des Polnischen mächtig sei. Man ist also schnell drin im Gespräch, sollte aber bereit sein, sich mit Händen und Füßen zu verständigen und sein Glück mit einem Sprachmix versuchen.

Anreise, Reisezeit, Reisedauer

Die Anreise nach Lemberg ist denkbar einfach, der Danylo Halytskyi Airport Lviv ist gut mit einem Direktbus ins Zentrum angebunden (Endhaltestätte Universität/ університет, Tickets beim Fahrer, ca. 10 Griwna, entwerten nicht vergessen!). Direktflüge bietet z.B. Ryanair von mehreren deutschen Standorten an.

Ich selbst habe Lemberg im Winter besucht und kann die Woche vor Dreikönig, dem orthodoxen Weihnachtfest, sehr empfehlen, weil man wirklich ein unglaubliches Licht- und Farbenspiel geboten bekommt. Zudem ist die Woche zwischen Neujahr und Dreikönig wie häufig im Osten für viele Einrichtungen arbeitsfrei und so zeigt sich die Stadt prall voll mit Leben. Aber auch der Sommer muss in Lemberg mit seinen Kopfsteingassen und Innenhöfen wunderschön sein.

Drei bis fünf Tage scheinen mir, wenn man nicht die nahegelegenen Karpaten besuchen will, eine sinnvolle Reisezeit zu sein, in der man die Stadt nach und nach erkunden kann, ohne sich zu eilen oder zu langweilen.

Geld & Telefon

Die ukrainische Währung, den Griwna, bekommt man in Deutschland nicht, man zieht also am besten direkt am Flughafen Bargeld. 32 Griwna sind etwa 1,- Euro. Kartenzahlung (Kreditkarte) ist so gut wie überall möglich und gerne gesehen.

Leider liegt die Ukraine in einem sehr teurem Roaming-Raum außerhalb der EU, daher bietet sich der Erwerb einer lokalen Nummer an, der aber problemlos möglich ist und keine Registrieriung voraussetzt; Vodafone Ukraine und Kievstar betreiben überall in der Stadt (leider nicht am Flughafen) ihre Geschäfte. Eine solche Prepaid-Karte kann jederzeit an etwas abenteuerlich anmutenden Automaten aufgeladen werden.

Fazit

Wenn Lemberg bisher nicht auf eurer Reiseroute lag, dann fügt es schnell hinzu, denn diese Stadt ist kulturell wie kulinarisch abwechslungsreich und überraschend. Überrascht hat mich dabei auch, dass Lemberg so ganz anders ist als Kiew, das ich im Sommer besucht hatte (hier findet ihr den Reisebericht zu Kiew). Vermutlich wäre dieser Umstand bei der Größe und Vielfalt der Ukraine zu erwarten gewesen, dennoch war ich erstaunt, dass z.B. die in der Hauptstadt dominierende Orthodoxie in Lemberg nur eine Randerscheinung darstellt. Und auch das oben beschriebene österreichische Erbe hat mich begeistert. Daher kann ich euch die Stadt nur ans Herz legen, ihr werdet positiv überrascht sein – egal ob ihr nun Lemberg, Lviv oder Lwow zu dieser schönen alten Stadt sagen wollt.

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