Sarajevo: Schmelztiegel der Kulturen

Ihr mögt Stadtreisen, aber sucht nach einem weniger touristischen Ort in Europa? Dann könnte Sarajevo genau richtig für euch sein! Die bosnische Hauptstadt eigent sich mit ihrem kulturellen Mix perfekt für ein verlängertes Wochenende!

Täglich um drei Uhr grüßt der Muezzin und Gebetsrufe erklingen von den zahllosen Minaretten, die Sarajevos Altstadt zieren. Die bosnische Hauptstadt liegt sicherlich nicht auf jeder Reiseroute, bietet aber einen spannenden kulturellen Mix, den ich euch für einen Kurztripp absolut empfehlen kann!

Auf meine Reise nach Sarajevo hatte ich mich auch deshalb gefreut, weil ich diesen Schmelztiegel der Kulturen schon lange einmal sehen wollte – und ich wurde nicht enttäuscht: Zwischen osmanischem Erbe, Erinnerungen an Habsburg und jugoslawischer Vergangenheit zeigt sich Sarajevo historisch vielfältig und eignet sich perfekt für eine kurze Reise über ein verlängertes Wochenende.

Touristische Highlights

Sarajevos zentrale Sehenswürdigkeit ist sicherlich die osmanisch geprägte Altstadt Baščaršija mit ihren kleinen Gassen, niedrigen Häusern, viel Markttreiben, zahllosen Moscheen und noch zahlloseren Kaffeehäuser. Der namensgebende Basar ist prägend für die Altstadt, überall wird verkauft und obwohl vieles eher in die Kategorie touristischer Nippes fällt, gibt es eben doch auch die Gassen mit altem Kupferhandwerk, allen voran die Kazandžiluk. Hier kann man sich einfach treiben lassen, die zentralen Baudenkmäler wie der Uhrenturm, der Sebilj-Brunnen oder die Husrev-Beg-Moschee sind nicht zu verfehlen. Kaffee nach traditioneller bosnischer Art, der türkischem Kaffee sehr ähnelt, wird überall aus den lokalen Kupferkännchen angeboten und ist ein absolutes Muss. Perfekt passt ein wenig Baklava dazu, das ebenfalls überall verführerisch aus den Schaufenstern grüßt.

Innerhalb eines Nachmittags hat man die Altstadt gut erkundet und kann sich am zweiten Tag beispielsweise zu einer der alten Stadtfestungen aufmachen, die trotz steiler Anstiege gut in ein bis anderthalb Stunden zu erlaufen sind. Sowohl die Gelbe Bastion als auch die Weiße Bastion, beide als Ruinen erhalten, bieten einen spannenden Blick in das Tal, in das sich Sarajevo bettet. Letztere kostet einen kleinen Eintritt (4,- bosnische Mark), aber die Aussicht lohnt es. Auf dem Weg hinauf zu den Festungen passiert man außerdem den Kovači-Friedhof, der einen Eindruck von den Schrecken des Bosnienkrieges bietet. Überhaupt ist dieser Krieg noch sehr präsent in der Stadt, ähnliche Friedhöfe mit den markanten weißen Stelen gibt es etliche.

Wer lieber im Zentrum bleibt, der kommt an einem anderen Krieg nicht vorbei: Die eher unscheinbare Lateinerbrücke erinnert an das Attentat von 1914. Eine kleine Gedenktafel verweist auf den Attentäter, Gavrilo Princip, und ein winziges Museum bestehend aus nur einem Raum beleuchtet die Ereignisse, die zum Ersten Weltkrieg führten.

Hier ab der Lateinerbrücke kann man der Sarajevo durchfließenden Miljacka folgen und erreicht das habsburgisch geprägte erweiterte Zentrum. Beeindruckend ist das opulente Rathaus, aber auch die Universität und andere Prachtbauten erinnern an das 19. Jahrhundert. Und natürlich stößt man immer wieder auf Kirchen und Klöster, die es zwar an Zahl und Pracht nicht ganz mit den Moscheen der Stadt aufnehmen können, die aber dennoch vom vielfältigen Erbe Sarajevos zeugen.

Parallel zur Miljacka verläuft mit der Ferhadija die zentrale Achse der Stadt, an der sich auch die alte Markthalle befindet. Märkte lohnen sich aus meiner Sicht immer, in diesem Fall handelt es sich aber um eine gut renovierte Halle, deren urwuchsiger Charme etwas verloten gegangen ist. Uriger und bodenständiger wird es dagegen auf der anderen Seite der Ferhadija auf dem Gemüsemarkt. Aber auch hier finden sich Erinnerungen an den Bosnienkrieg, wie die überall dort in den Boden eingelassene Rose von Sarajevo, wo einst Granaten einschlugen und Zivilisten töteten – so auch auf dem Gemüsemarkt.

Unweit des Marktes liegt auch die Ewige Flamme, ein Kriegsdenkmal, das sich tagsüber als Fotospot etabliert hat und an kalten Abenden ganz pragmatisch einige Obdachlose wärmt.

Hoch in die Berge!

Sarajevo liegt in einem echten Wintersportgebiet, nicht umsonst wurden hier die olympischen Winterspiele 1984 ausgetragen. Nach dem Bosnienkrieg fielen die Sportstätten in einen Dornröschenschlaf, aber sowohl die Skisprungschanzen als auch die olympische Bob-Bahn lassen sich besichtigen. Letztere ist per Seilbahn bequem zu erreichen, die Gondeln hinauf zum Hausberg Trebević sind brandneu und starten gute 10 Fußminuten außerhalb der Altstadt auf der anderen Flussseite. Die 20,- bosnische Mark (10€) teure Fahrt ist ihr Geld absolut wert und von der Endstation auf dem Berg erreicht man die gut ausgeschilderte Bob-Bahn nach einem kleinen Spaziergang in schönster Natur. Die Bob-Strecke selbst ist etwas für Fans von lost places, die Ruinen bieten viele spannende Fotoperspektiven.

Essen und Trinken

Klar, Bosnien ohne Čevabdčiči, das geht nicht! Man bekommt die Fleischrollen auch tatsächlich an jeder Ecke, häufig in einer eigenen Art Bistro, der Čevabdžiniča. Mich hat es in die Ćevabdžinica Željo gezogen, die zu den ältesten zählen soll und drei Filialen in der Altstadt betreibt: Schlichtes Design und wahlweise fünf, zehn oder fünfzehn Čevabčiči mit reichlich Zwiebeln im Fladenbrot. Mehr braucht es eigentlich auch nicht zum kleinen Glück.

Aber die bosnische Küche bietet natürlich mehr! Mein Tipp für eine schöne lokale Speisekarte ist das Inat Kuča dem Rathaus gegenüber auf der anderen Seite des Flusses. Schon das alte Gebäude lohnt, der Blick auf das prachtvolle Rathaus noch viel mehr und die Küche ohnehin.

Wer einfach nur zwischendurch einen Snack oder eine Erfrischung sucht, der kann sich bei den reichlich vorhandenen Kiosken mit diversen gefüllten Backwaren bedienen. Gegen den Durst empfehle ich den frisch gepressten Granatapfelsaft, der an fast jeder Ecke angeboten wird!

Für mich darf nach dem Essen ein Absacker in einer coolen Bar nicht fehlen, wenn möglich abseits der Touristenströme. Hier hat mich Sarajevo allerdings ein wenig enttäuscht, es mag aber auch der Pandemie geschuldet sein. Die Dichte an kreativen Konzepten blieb auf jeden Fall überschaubar. Für Kneipenfans auf der Suche nach Retro-Look und viel Patina sind aber das Caffè von Habsburg und das Zlatna Ribica kleine Schatzkisten. Vor allem ersteres schien mir ein Treffpunkt vieler Studenten zu sein.

Und – ihr kennt mich – keine Reise ohne Craft Beer! Auch hier zählt Sarajevo sicherlich nicht zu den Hotspots Europas, aber einige kleine Brauereien gibt es, beispielsweise die ’84 Olympics Craft Brewery. Ihre und einige andere lokale Biere bekommt man z.B. im Board Room, der, obgleich in der Altstadt, doch etwas versteckt liegt und aus meiner Sicht die beste auswahl lokaler Biere gepaart mit ungezwungener Atmosphäre bietet. Für Fans traditioneller Bierstile ist das Brauhaus der Sarajevska Pivara sicherlich ein Tipp: Direkt neben die örtlichen Großbrauerei gelegen betritt man im Inneren ein unglaublich schönes, hölzernes Brauhaus mit ganz viel Flair. Es liegt außerdem recht praktisch auf dem Weg zur Trebević-Seilbahn.

Anreise, Geld, Telefon

Sarajevo ist über seinen kleinen internationalen Flughafen von vielen deutschen Städten einfach zu erreichen. Am Flughafen angekommen wird es dann allerdings komplizierter. Einen Linienbus in die Stadt gibt es angeblich, aber er verkehrt deutlich vom Airport entfernt und ich konnte im Vorfeld trotz intensiver Bemühungen keine Haltestelle finden. Ich empfehle daher eines der vielen Taxen vor dem Flughafen, für ca. 12-15 € gelangt man so in gut 20 Minuten in die City. Die Taxen bieten vor der Fahrt Festpreise statt Taxometer; das mag etwas teurer sein, aber dafür erlebt man keine unliebsamen Überraschungen. Was mich verwundert hat: Keine der gängigen Taxi-Apps (Uber etc.) bieten ihre Dienste in Sarajevo an.

Geld sollte man zuvor direkt am Flughafen ziehen oder tauschen. In Sarajevo ist häufig noch Barzahlung angesagt. Für Nostalgiker: In Bosnien zahlt man mit Mark – und das zum alten DM-Euro-Wechselkurs. Eine KM (Konvertible Mark) entspricht also etwa 50 Eurocent.

Da Bosnien außerhalb der EU liegt, kann Datenroaming je nach Anbieter teuer werden. Wer ein Handy mit Dual-Sim besitzt: Für 5 Mark (2,50€) bekommt man z.B. in Postfilialen oder lokalen Handyläden der bosnischen Telekom eine bosnische Handynummer mit gefühlt endlosen Datenvolumen.

Wohnen

Hotels, Pensionen, B&B oder AirBnB – mit wenigen Klicks findet man auf den gängigen Seiten zahlreiche Angebote. Ich empfehle zentrumsnah zu wohnen und habe mich im altehrwürdigen Hotel Central sehr wohl gefühlt.

Reisezeit und Reisedauer

Wie überall wird sicherlich auch Sarajevos Schönheit im Sommer am besten zur Geltung kommen. Dennoch habe ich die bosnische Hauptstadt über ein langes Karnevalswochende Ende Februar/ Anfang März besucht und die in dieser Zeit touristenarmen Gassen und schneebedeckten Berge sehr genossen.

Da Sarajevo nur knapp 300.000 Einwohner zählt und der Stadtkern problemlos fußläufig zu erkunden ist, genügt ein verlängertes Wochenende vollauf und bietet auch noch Zeit für einen Ausflug mit der Seilbahn auf den Trebević (s.o.). Denn das sei bei aller Faszination nicht verschwiegen: Wer das Zentrum Sarajevos verlässt, stößt schnell auf unrenoviert Tristesse.

Fazit

Für einen Kurztripp eigent sich Sarajevo perfekt und wer Osteuropa, den Balkan und etwas rauen, unrenovierten Charme zu schätzen weiß, der wird die Stadt lieben und ihren multikulturellen und historisch vielfältigen Charakter zu schätzen wissen.

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